
Emmaus-Brockenhaus
Zu Besuch bei Gregor Lehmann im Emmaus-Brockenhaus in Bümpliz Schon beim Betreten unseres Brockenhauses im Kleefeld merke ich jeweils: Bei uns geht es nicht nur um Möbel, Kleider oder Haushaltswaren. Es geht um Menschen.
Um jene, die aus unterschiedlichsten
Gründen aus dem Takt geraten sind. Und um
jene, die täglich dafür sorgen, dass für erstere ein geregelter
Alltag wieder möglich wird.
Ich arbeite seit 2017 bei Emmaus Bern. Zuerst war ich Teamleiter,
seit 2021 leite ich die Gemeinschaft. Wir geben den
Leuten einen Anker. Einen Ort, an dem sie sagen können: «Solange
ich mich anständig verhalte, passiert mir hier nichts.»
Bei Emmaus bieten wir Menschen ohne festen Wohnsitz oder
in prekären Lebenssituationen nicht einfach ein Dach über
dem Kopf. Wer bei uns lebt, wohnt in einem der insgesamt
zehn einfachen Einzelzimmer, isst gemeinsam mit den anderen und übernimmt Aufgaben im Betrieb. Ich spreche dabei
bewusst nicht von Arbeit: Wir geben keine Arbeit, wir geben
Struktur. Wer kann, hilft beim Aufbereiten der Ware fürs Brockenhaus,
im Verkauf oder bei Hausräumungen. Entscheidend
ist nicht die Leistung, sondern das Mitmachen.
Diese Struktur ist für viele zentral. Am Morgen wissen sie: Um halb neun geht es los. Das gibt Halt. Für ihren Einsatz erhalten die Bewohnerinnen und Bewohner ein kleines Taschengeld. Ich erlebe täglich, wie fragil die Lebenslagen der Menschen bei uns sein können. Viele kämpfen mit Sucht, mit Schulden oder mit gesundheitlichen Problemen. Diese Probleme können wir nicht lösen. Wir sind keine Therapeutinnen oder Sozialarbeiter. Wir sind Menschen mit Herz, die versuchen, einen niederschwelligen Rahmen zu bieten. Einen Rahmen, in dem Konflikte angesprochen werden können und in dem Regeln gelten. Dass mich diese Arbeit viel Energie kostet, verschweige ich nicht. Ich bin oft rund um die Uhr erreichbar. Wenn nachts etwas passiert, werde ich angerufen. Aber die Arbeit hier gibt mir auch ein Glücksgefühl. Es ist der schönste Job, den ich je hatte. Emmaus ist für mich eine zweite Familie. Ich sehe, wie sich Menschen entwickeln, wie sie wieder Verantwortung übernehmen – manchmal nach Jahren auf der Strasse.
Das Brockenhaus spielt dabei eine zentrale Rolle. Auf rund 700 Quadratmetern Verkaufsfläche verkaufen wir alles, was gespendet oder bei Räumungen abgeholt wird. Was wir erwirtschaften, fliesst zurück in den Betrieb – in Essen, Unterkunft und Begleitung. Wir wollen kostendeckend arbeiten und im unteren Preissegment bleiben. Unser Brockenhaus soll sozial sein – nicht nur für die Bewohnerinnen und Bewohner, sondern für alle.
Diese Haltung zeigt sich auch in der Zusammenarbeit mit anderen Organisationen. Wir arbeiten mit der kirchlichen Gassenarbeit zusammen, geben Kleider ab, stellen Gutscheine aus. Vieles davon passiert leise, ohne grosse Sichtbarkeit. Es wird kaum erwähnt, was wir alles machen. Aber für die Betroffenen ist es enorm wichtig.
Manche Bilder lassen mich nicht los. Menschen rund um den Bahnhof oder bei der Heiliggeistkirche, ohne Perspektive. Dort kommst du kaum aus dem Teufelskreis raus. Emmaus kann nicht allen helfen und trotzdem machen wir, was wir können. Manchmal gebe ich einen Schlafsack ab oder organisiere einen Platz für eine Nacht. Gleichzeitig weiss ich: Ich muss mich abgrenzen. Sonst geht es mir selbst nicht mehr gut.
Was mich antreibt, ist kein einzelnes Schlüsselerlebnis. Es ist eher eine Haltung. Ich glaube daran, dass man weiterkommt, wenn man menschlich bleibt. Ich versuche, ruhig zu bleiben, mit Humor, nah bei den Leuten. Nicht als Chef auf dem Thron, sondern als jemand, der präsent ist. Diese Haltung prägt nicht nur mich, sondern auch das Team – und den Ort, an dem wir arbeiten. In den nächsten Jahren stehen bei Emmaus Veränderungen an. Ein Umbau der Liegenschaft ist geplant, neue Teammitglieder übernehmen Verantwortung. Mir ist wichtig, diese Übergänge gut zu begleiten. Mein Wunsch ist, dass wir die Ruhe, die wir jetzt haben, behalten. Und dass eines Tages jemand aus dem Team sagt: «Ich übernehme.»
Meine Energie fliesst weiter in Emmaus – auch über meine offizielle Rolle hinaus. Es ist im Herzen. Vielleicht komme ich später als Freiwilliger zurück und unterstütze die Leute weiter. Sicher ist: Emmaus ist für mich mehr als ein Arbeitsplatz. Es ist ein Ort, an dem Engagement sichtbar wird – im Alltag, im Zuhören, im Dableiben.



